Über Wahrheit und Lüge
im außermoralischen Sinne
Friedrich Nietzsche
1873, aus dem Nachlaß

1
In
irgend einem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd
ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Tiere das
Erkennen erfanden. Es war die hochmütigste und verlogenste Minute der
“Weltgeschichte”: aber doch nur eine Minute. Nach wenigen Atemzügen der
Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Tiere mußten sterben. - So
könnte jemand eine Fabel erfinden und würde doch nicht genügend
illustriert haben, wie kläglich, wie schattenhaft und flüchtig, wie
zwecklos und beliebig sich der menschliche Intellekt innerhalb der Natur
ausnimmt. Es gab Ewigkeiten, in denen er nicht war; wenn es wieder mit ihm
vorbei ist, wird sich nichts begeben haben. Denn es gibt für jenen
Intellekt keine weitere Mission, die über das Menschenleben hinausführte.
Sondern menschlich ist er, und nur sein Besitzer und Erzeuger nimmt ihn so
pathetisch, als ob die Angeln der Welt sich in ihm drehten. Könnten wir
uns aber mit der Mücke verständigen, so würden wir vernehmen, daß auch sie
mit diesem Pathos durch die Luft schwimmt und in sich das fliegende
Zentrum dieser Welt fühlt. Es ist nichts so verwerflich und gering in der
Natur, was nicht, durch einen kleinen Anhauch jener Kraft des Erkennens,
sofort wie ein Schlauch aufgeschwellt würde; und wie jeder Lastträger
seinen Bewunderer haben will, so meint gar der Stolzeste Mensch, der
Philosoph, von allen Seiten die Augen des Weltalls teleskopisch auf sein
Handeln und Denken gerichtet zu sehen.
Es ist
merkwürdig, daß dies der Intellekt zustande bringt, er, der doch gerade
nur als Hilfsmittel den unglücklichsten, delikatesten, vergänglichsten
Wesen beigegeben ist, um sie eine Minute im Dasein festzuhalten, aus dem
sie sonst, ohne jene Beigabe, so schnell wie Lessings Sohn zu flüchten
allen Grund hätten. Jener mit dem Erkennen und Empfinden verbundene
Hochmut, verblendende Nebel über die Augen und Sinne der Menschen legend,
täuscht sie also über den Wert des Daseins, dadurch daß er über das
Erkennen selbst die schmeichelhafteste Wertschätzung in sich trägt. Seine
allgemeinste Wirkung ist Täuschung - aber auch die einzelnsten Wirkungen
tragen etwas von gleichem Charakter an sich.
Der
Intellekt, als ein Mittel zur Erhaltung des Individuums, entfaltet seine
Hauptkräfte in der Verstellung; denn diese ist das Mittel, durch das die
schwächeren, weniger robusten Individuen sich erhalten, als welchen einen
Kampf um die Existenz mit Hörnern oder scharfem Raubtier-Gebiß zu führen
versagt ist. Im Menschen kommt diese Verstellungskunst auf ihren Gipfel:
hier ist die Täuschung, das Schmeicheln, Lügen und Trügen, das
Hinter-dem-Rücken-Reden, das Repräsentieren, das im erborgten Glanze
Leben, das Maskiertsein, die verhüllende Konvention, das Bühnenspiel vor
anderen und vor sich selbst, kurz das fortwährende Herumflattern um die
eine Flamme Eitelkeit so sehr die Regel und das Gesetz, daß fast
nichts unbegreiflicher ist, als wie unter den Menschen ein ehrlicher und
reiner Trieb zur Wahrheit aufkommen konnte. Sie sind tief eingetaucht in
Illusionen und Traumbilder, ihr Auge gleitet nur auf der Oberfläche der
Dinge herum und sieht “Formen”, ihre Empfindung führt nirgends in die
Wahrheit, sondern begnügt sich, Reize zu empfangen und gleichsam ein
tastendes Spiel auf dem Rücken der Dinge zu spielen. Dazu läßt sich der
Mensch nachts, ein Leben hindurch, im Traume belügen, ohne daß sein
moralisches Gefühl dies je zu verhindern suchte: während es Menschen geben
soll, die durch starken Willen das Schnarchen beseitigt haben. Was weiß
der Mensch eigentlich von sich selbst! Ja, vermöchte er auch nur sich
einmal vollständig, hingelegt wie in einen erleuchteten Glaskasten, zu
perzipieren? Verschweigt die Natur ihm nicht das Allermeiste, selbst über
seinen Körper, um ihn, abseits von den Windungen der Gedärme, dem raschen
Fluß der Blutströme, den verwickelten Fasererzitterungen, in ein stolzes,
gauklerisches Bewußtsein zu bannen und einzuschließen! Sie warf den
Schlüssel weg: und wehe der verhängnisvollen Neubegier, die durch eine
Spalte einmal aus dem Bewußtseinszimmer heraus und hinabzusehen vermöchte,
und die jetzt ahnte, daß auf dem Erbarmungslosen, dem Gierigen, dem
Unersättlichen, dem Mörderischen der Mensch ruht, in der Gleichgültigkeit
seines Nichtwissens, und gleichsam auf dem Rücken eines Tigers in Träumen
hängend. Woher, in aller Welt, bei dieser Konstellation der Trieb zur
Wahrheit!
Soweit
das Individuum sich, gegenüber andern Individuen, erhalten will, benutzt
es in einem natürlichen Zustand der Dinge den Intellekt zumeist nur zur
Verstellung: weil aber der Mensch zugleich aus Not und Langeweile
gesellschaftlich und herdenweise existieren will, braucht er einen
Friedensschluß und trachtet danach, daß wenigstens das allergrößte bellum
omnium contra omnes aus seiner Welt verschwinde. Dieser Friedensschluß
bringt etwas mit sich, was wie der erste Schritt zur Erlangung jenes
rätselhaften Wahrheitstriebes aussieht. Jetzt wird nämlich das fixiert,
was von nun an “Wahrheit” sein soll, das heißt, es wird eine gleichmäßig
gültige und verbindliche Bezeichnung der Dinge erfunden, und die
Gesetzgebung der Sprache gibt auch die ersten Gesetze der Wahrheit: denn
es entsteht hier zum ersten Male der Kontrast von Wahrheit und Lüge. Der
Lügner gebraucht die gültigen Bezeichnungen, die Worte, um das Unwirkliche
als wirklich erscheinen zu machen; er sagt zum Beispiel: “ich bin reich”,
während für seinen Zustand gerade “arm” die richtige Bezeichnung wäre. Er
mißbraucht die festen Konventionen durch beliebige Vertauschungen oder gar
Umkehrungen der Namen. Wenn er dies in eigennütziger und übrigens Schaden
bringender Weise tut, so wird ihm die Gesellschaft nicht mehr trauen und
ihn dadurch von sich ausschließen. Die Menschen fliehen dabei das
Betrogenwerden nicht so sehr als das Beschädigtwerden durch Betrug: sie
hassen, auch auf dieser Stufe, im Grunde nicht die Täuschung, sondern die
schlimmen, feindseligen Folgen gewisser Gattungen von Täuschungen. In
einem ähnlichen beschränkten Sinne will der Mensch auch nur die Wahrheit:
er begehrt die angenehmen, Leben erhaltenden Folgen der Wahrheit, gegen
die reine folgenlose Erkenntnis ist er gleichgültig, gegen die vielleicht
schädlichen und zerstörenden Wahrheiten sogar feindlich gestimmt. Und
überdies: wie steht es mit jenen Konventionen der Sprache? Sind sie
vielleicht Erzeugnisse der Erkenntnis, des Wahrheitssinnes, decken sich
die Bezeichnungen und die Dinge? Ist die Sprache der adäquate Ausdruck
aller Realitäten?
Nur
durch Vergeßlichkeit kann der Mensch je dazu kommen zu wähnen, er besitze
eine “Wahrheit” in dem eben bezeichneten Grade. Wenn er sich nicht mit der
Wahrheit in der Form der Tautologie, das heißt mit leeren Hülsen begnügen
will, so wird er ewig Illusionen für Wahrheiten einhandeln. Was ist ein
Wort? Die Abbildung eines Nervenreizes in Lauten. Von dem Nervenreiz aber
weiterzuschließen auf eine Ursache außer uns, ist bereits das Resultat
einer falschen und unberechtigten Anwendung des Satzes vom Grunde. Wie
dürften wir, wenn die Wahrheit bei der Genesis der Sprache, der
Gesichtspunkt der Gewißheit bei den Bezeichnungen allein entscheidend
gewesen wäre, wie dürften wir doch sagen: der Stein ist hart: als ob uns
“hart” noch sonst bekannt wäre, und nicht nur als eine ganz subjektive
Reizung! Wir teilen die Dinge nach Geschlechtern ein, wir bezeichnen den
Baum als männlich, die Pflanze als weiblich: welche willkürlichen
Übertragungen! Wie weit hinausgeflogen über den Kanon der Gewißheit! Wir
reden von einer “Schlange”: die Bezeichnung trifft nichts als das
Sichwinden, könnte also auch dem Wurme zukommen. Welche willkürlichen
Abgrenzungen, welche einseitigen Bevorzugungen bald der bald jener
Eigenschaft eines Dinges! Die verschiedenen Sprachen, nebeneinander
gestellt, zeigen, daß es bei den Worten nie auf die Wahrheit, nie auf
einen adäquaten Ausdruck ankommt: denn sonst gäbe es nicht so viele
Sprachen. Das “Ding an sich” (das würde eben die reine folgenlose Wahrheit
sein) ist auch dem Sprachbildner ganz unfaßlich und ganz und gar nicht
erstrebenswert. Er bezeichnet nur die Relationen der Dinge zu den Menschen
und nimmt zu deren Ausdrucke die kühnsten Metaphern zu Hilfe. Ein
Nervenreiz, zuerst übertragen in ein Bild! Erste Metapher. Das Bild wieder
nachgeformt in einem Laut! Zweite Metapher. Und jedesmal vollständiges
Überspringen der Sphäre, mitten hinein in eine ganz andre und neue. Man
kann sich einen Menschen denken, der ganz taub ist und nie eine Empfindung
des Tones und der Musik gehabt hat: wie dieser etwa die chladnischen
Klangfiguren im Sande anstaunt, ihre Ursachen im Erzittern der Saite
findet und nun darauf schwören wird, jetzt müsse er wissen, was die
Menschen den “Ton” nennen, so geht es uns allen mit der Sprache. Wir
glauben etwas von den Dingen selbst zu wissen, wenn wir von Bäumen,
Farben, Schnee und Blumen reden, und besitzen doch nichts als Metaphern
der Dinge, die den ursprünglichen Wesenheiten ganz und gar nicht
entsprechen. Wie der Ton als Sandfigur, so nimmt sich das rätselhafte X
des Dings an sich einmal als Nervenreiz, dann als Bild, endlich als Laut
aus. Logisch geht es also jedenfalls nicht bei der Entstehung der Sprache
zu, und das ganze Material, worin und womit später der Mensch der
Wahrheit, der Forscher, der Philosoph arbeitet und baut, stammt, wenn
nicht aus Wolkenkuckucksheim, so doch jedenfalls nicht aus dem Wesen der
Dinge.
Denken
wir besonders noch an die Bildung der Begriffe. Jedes Wort wird sofort
dadurch Begriff, daß es eben nicht für das einmalige ganz und gar
individualisierte Urerlebnis, dem es sein Entstehen verdankt, etwa als
Erinnerung dienen soll, sondern zugleich für zahllose, mehr oder weniger
ähnliche, daß heißt streng genommen niemals gleiche, also auf lauter
ungleiche Fälle passen muß. Jeder Begriff entsteht durch Gleichsetzen des
Nichtgleichen. So gewiß nie ein Blatt einem andern ganz gleich ist, so
gewiß ist der Begriff Blatt durch beliebiges Fallenlassen dieser
individuellen Verschiedenheiten, durch ein Vergessen des Unterscheidenden
gebildet und erweckt nun die Vorstellung, als ob es in der Natur außer den
Blättern etwas gäbe, das “Blatt” wäre, etwa eine Urform, nach der alle
Blätter gewebt, gezeichnet, abgezirkelt, gefärbt, gekräuselt, bemalt
wären, aber von ungeschickten Händen, so daß kein Exemplar korrekt und
zuverlässig als treues Abbild der Urform ausgefallen wäre. Wir nennen
einen Menschen “ehrlich”. warum hat er heute so ehrlich gehandelt? fragen
wir. Unsere Antwort pflegt zu lauten: seiner Ehrlichkeit wegen. Die
Ehrlichkeit! Das heißt wieder: das Blatt ist die Ursache der Blätter. Wir
wissen ja gar nichts von einer wesenhaften Qualität, die “die Ehrlichkeit”
hieße, wohl aber von zahlreichen individualisierten, somit ungleichen
Handlungen, die wir durch Weglassen des Ungleichen gleichsetzen und jetzt
als ehrliche Handlungen bezeichnen; zuletzt formulieren wir aus ihnen eine
qualitas occulta mit dem Namen: “die Ehrlichkeit”. Das Übersehen des
Individuellen und Wirklichen gibt uns den Begriff, wie es uns auch die
Form gibt, wohingegen die Natur keine Formen und Begriffe, also auch keine
Gattungen kennt, sondern nur ein für uns unzugängliches und
undefinierbares X. Denn auch unser Gegensatz von Individuum und Gattung
ist anthropomorphisch und entstammt nicht dem Wesen der Dinge, wenn wir
auch nicht zu sagen wagen, daß er ihm nicht entspricht: das wäre nämlich
eine dogmatische Behauptung und als solche ebenso unerweislich wie ihr
Gegenteil.
Was ist
also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien,
Anthropomorphismen, kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die,
poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, und die
nach langem Gebrauch einem Volke fest, kanonisch und verbindlich dünken:
die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, daß sie
welche sind, Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind,
Münzen, die ihr Bild verloren haben und nun als Metall, nicht mehr als
Münzen, in Betracht kommen.
Wir
wissen immer noch nicht, woher der Trieb zur Wahrheit stammt: denn bis
jetzt haben wir nur von der Verpflichtung gehört, die die Gesellschaft, um
zu existieren, stellt: wahrhaft zu sein, das heißt die usuellen Metaphern
zu brauchen, also moralisch ausgedrückt: von der Verpflichtung, nach einer
festen Konvention zu lügen, herdenweise in einem für alle verbindlichen
Stile zu lügen. Nun vergißt freilich der Mensch, daß es so mit ihm steht;
er lügt also in der bezeichneten Weise unbewußt und nach hundertjährigen
Gewöhnungen - und kommt eben durch diese Unbewußtheit, eben durch dies
Vergessen zum Gefühl der Wahrheit. An dem Gefühl verpflichtet zu sein, ein
Ding als “rot”, ein anderes als “kalt”, ein drittes als “stumm” zu
bezeichnen, erwacht eine moralische auf Wahrheit sich beziehende Regung:
aus dem Gegensatz des Lügners, dem niemand traut, den alle ausschließen,
demonstriert sich der Mensch das Ehrwürdige, Zutrauliche und Nützliche der
Wahrheit. Er stellt jetzt sein Handeln als “vernünftiges” Wesen
unter die Herrschaft der Abstraktionen; er leidet es nicht mehr, durch die
plötzlichen Eindrücke, durch die Anschauungen fortgerissen zu werden, er
verallgemeinert alle diese Eindrücke erst zu entfärbteren, kühleren
Begriffen, um an sie das Fahrzeug seines Lebens und Handelns anzuknüpfen.
Alles, was den Menschen gegen das Tier abhebt, hängt von dieser Fähigkeit
ab, die anschaulichen Metaphern zu einem Schema zu verflüchtigen, also ein
Bild in einen Begriff aufzulösen. Im Bereich jener Schemata nämlich ist
etwas möglich, was niemals unter den anschaulichen ersten Eindrücken
gelingen möchte: eine pyramidale Ordnung nach Kasten und Graden
aufzubauen, eine neue Welt von Gesetzen, Privilegien, Unterordnungen,
Grenzbestimmungen zu schaffen, die nun der andern anschaulichen Welt der
ersten Eindrücke gegenübertritt, als das Festere, Allgemeinere,
Bekanntere, Menschlichere und daher als das Regulierende und
Imperativische. Während jede Anschauungsmetapher individuell und ohne
ihresgleichen ist und deshalb allem Rubrizieren immer zu entfliehen weiß,
zeigt der große Bau der Begriffe die starre Regelmäßigkeit eines römischen
Kolumbariums und atmet in der Logik jene Strenge und Kühle aus, die der
Mathematik zu eigen ist. Wer von dieser Kühle angehaucht wird, wird es
kaum glauben, daß auch der Begriff, knöchern und achteckig wie ein Würfel
und versetzbar wie jener, doch nur als das Residuum einer Metapher übrig
bleibt, und daß die Illusion der künstlerischen Übertragung eines
Nervenreizes in Bilder, wenn nicht die Mutter, so doch die Großmutter
eines jeden Begriffs ist. Innerhalb dieses Würfelspiels der Begriffe heißt
aber “Wahrheit'“, jeden Würfel so zu gebrauchen, wie er bezeichnet ist,
genau seine Augen zu zählen, richtige Rubriken zu bilden und nie gegen die
Kastenordnung und gegen die Reihenfolge der Rangklassen zu verstoßen. Wie
die Römer und Etrusker sich den Himmel durch starre mathematische Linien
zerschnitten und in einen solchermaßen abgegrenzten Raum, als in ein
templum, einen Gott bannten, so hat jedes Volk über sich einen solchen
mathematisch zerteilten Begriffshimmel und versteht nun unter der
Forderung der Wahrheit, daß jeder Begriffsgott nur in seiner Sphäre
gesucht werde. Man darf hier den Menschen wohl bewundern als ein
gewaltiges Baugenie, dem auf beweglichen Fundamenten und gleichsam auf
fließendem Wasser das Auftürmen eines unendlich komplizierten
Begriffsdomes gelingt: - freilich, um auf solchen Fundamenten Halt zu
finden, muß es ein Bau wie aus Spinnefäden sein, so zart, um von der Welle
mit fortgetragen, so fest, um nicht von jedem Winde auseinandergeblasen zu
werden. Als Baugenie erhebt sich solchermaßen der Mensch weit über die
Biene: diese baut aus Wachs, das sie aus der Natur zusammenholt, er aus
dem weit zarteren Stoffe der Begriffe, die er erst aus sich fabrizieren
muß. Er ist hier sehr zu bewundern - aber nur nicht wegen seines Triebes
zur Wahrheit, zum reinen Erkennen der Dinge. Wenn jemand ein Ding hinter
einem Busche versteckt, es ebendort wieder sucht und auch findet, so ist
an diesem Suchen und Finden nicht viel zu rühmen: so aber steht es mit dem
Suchen und Finden der “Wahrheit” innerhalb des Vernunft-Bezirkes. Wenn ich
die Definition des Säugetiers mache und dann erkläre, nach Besichtigung
eines Kamels: “siehe, ein Säugetier”, so wird damit eine Wahrheit zwar ans
Licht gebracht, aber sie ist von begrenztem Werte, ich meine, sie ist
durch und durch anthropomorphisch und enthält keinen einzigen Punkt, der
“wahr an sich”, wirklich und allgemeingültig, abgesehn von dem Menschen,
wäre. Der Forscher nach solchen Wahrheiten sucht im Grunde nur die
Metamorphose der Welt in den Menschen, er ringt nach einem Verstehen der
Welt als eines menschenartigen Dinges und erkämpft sich bestenfalls das
Gefühl einer Assimilation. Ähnlich wie der Astrolog die Sterne im Dienste
der Menschen und im Zusammenhange mit ihrem Glück und Leide betrachtete,
so betrachtet ein solcher Forscher die ganze Welt als geknüpft an den
Menschen, als den unendlich gebrochenen Widerklang eines Urklanges, des
Menschen, als das vervielfältigte Abbild des einen Urbildes, des Menschen.
Sein V erfahren ist, den Menschen als Maß an alle Dinge zu halten: wobei
er aber von dem Irrtum ausgeht, zu glauben, er habe diese Dinge
unmittelbar, als reine Objekte vor sich. Er vergißt also die originalen
Anschauungsmetaphern als Metaphern und nimmt sie als die Dinge selbst.
Nur
durch das Vergessen jener primitiven Metapherwelt, nur durch das Hart- und
Starrwerden einer ursprünglichen in hitziger Flüssigkeit aus dem
Urvermögen menschlicher Phantasie hervorströmenden Bildermasse, nur durch
den unbesiegbaren Glauben, diese Sonne, dieses Fenster,
dieser Tisch sei eine Wahrheit an sich, kurz nur dadurch, daß der
Mensch sich als Subjekt, und zwar als künstlerisch schaffendes
Subjekt, vergißt, lebt er mit einiger Ruhe, Sicherheit und Konsequenz:
wenn er einen Augenblick nur aus den Gefängniswänden dieses Glaubens
heraus könnte, so wäre es sofort mit seinem “Selbstbewußtsein” vorbei.
Schon dies kostet ihm Mühe, sich einzugestehen, wie das Insekt oder der
Vogel eine ganz andere Welt perzipieren als der Mensch, und daß die Frage,
welche von beiden Weltperzeptionen richtiger ist, eine ganz sinnlose ist,
da hierzu bereits mit dem Maßstabe der richtigen Perzeption, das
heißt mit einem nicht vorhandenen Maßstabe gemessen werden
müßte. Überhaupt aber scheint mir “die richtige Perzeption” - das würde
heißen: der adäquate Ausdruck eines Objekts im Subjekt - ein
widerspruchsvolles Unding: denn zwischen zwei absolut verschiednen
Sphären, wie zwischen Subjekt und Objekt, gibt es keine Kausalität, keine
Richtigkeit, keinen Ausdruck, sondern höchstens ein ästhetisches
Verhalten, ich meine eine andeutende Übertragung, eine nachstammelnde
Übersetzung in eine ganz fremde Sprache: wozu es aber jedenfalls einer
frei dichtenden und frei erfindenden Mittelsphäre und Mittelkraft bedarf.
Das Wort “Erscheinung” enthält viele Verführungen, weshalb ich es
möglichst vermeide: denn es ist nicht wahr, daß das Wesen der Dinge in der
empirischen Welt erscheint. Ein Maler, dem die Hände fehlen und der durch
Gesang das ihm vorschwebende Bild ausdrücken wollte, wird immer noch mehr
bei dieser Vertauschung der Sphären verraten, als die empirische Welt vom
Wesen der Dinge verrät. Selbst das Verhältnis eines Nervenreizes zu dem
hervorgebrachten Bilde ist an sich kein notwendiges: wenn aber dasselbe
Bild millionenmal hervorgebracht und durch viele Menschengeschlechter
hindurch vererbt ist, ja zuletzt bei der gesamten Menschheit jedesmal
infolge desselben Anlasses erscheint, so bekommt es endlich für den
Menschen dieselbe Bedeutung, als ob es das einzig notwendige Bild sei und
als ob jenes Verhältnis des ursprünglichen Nervenreizes zu dem
hergebrachten Bilde ein strenges Kausalitätsverhältnis sei; wie ein Traum,
ewig wiederholt, durchaus als Wirklichkeit empfunden und beurteilt werden
würde. Aber das Hart- und Starr-Werden einer Metapher verbürgt durchaus
nichts für die Notwendigkeit und ausschließliche Berechtigung dieser
Metapher.
Es hat
gewiß jeder Mensch, der in solchen Betrachtungen heimisch ist, gegen jeden
derartigen Idealismus ein tiefes Mißtrauen empfunden, so oft er sich
einmal recht deutlich von der ewigen Konsequenz, Allgegenwärtigkeit und
Unfehlbarkeit der Naturgesetze überzeugte; er hat den Schluß gemacht: hier
ist alles, soweit wir dringen, nach der Höhe der teleskopischen und nach
der Tiefe der mikroskopischen Welt, so sicher, ausgebaut, endlos,
gesetzmäßig und ohne Lücken; die Wissenschaft wird ewig in diesen
Schachten mit Erfolg zu graben haben, und alles Gefundene wird
zusammenstimmen und sich nicht widersprechen. Wie wenig gleicht dies einem
Phantasieerzeugnis: denn wenn es dies wäre, müßte es doch irgendwo den
Schein und die Unrealität erraten lassen. Dagegen ist einmal zu sagen:
hätten wir noch, jeder für sich, eine verschiedenartige Sinnesempfindung,
könnten wir selbst nur bald als Vogel, bald als Wurm, bald als Pflanze
perzipieren, oder sähe der eine von uns denselben Reiz als rot, der andere
als blau, hörte ein dritter ihn sogar als Ton, so würde niemand von einer
solchen Gesetzmäßigkeit der Natur reden, sondern sie nur als ein höchst
subjektives Gebilde begreifen. Sodann: was ist für uns überhaupt ein
Naturgesetz? Es ist uns nicht an sich bekannt, sondern nur in seinen
Wirkungen, das heißt in seinen Relationen zu andern Naturgesetzen, die uns
wieder nur als Summen von Relationen bekannt sind. Also verweisen alle
diese Relationen immer nur wieder aufeinander und sind uns ihrem Wesen
nach unverständlich durch und durch; nur das, was wir hinzubringen, die
Zeit, der Raum, also Sukzessionsverhältnisse und Zahlen, sind uns wirklich
daran bekannt. Alles Wunderbare aber, das wir gerade an den Naturgesetzen
anstaunen, das unsere Erklärung fordert und uns zum Mißtrauen gegen den
Idealismus verführen könnte, liegt gerade und ganz allein nur in der
mathematischen Strenge und Unverbrüchlichkeit der Zeit- und
Raum-Vorstellungen. Diese aber produzieren wir in uns und aus uns mit
jener Notwendigkeit, mit der die Spinne spinnt; wenn wir gezwungen sind,
alle Dinge nur unter diesen Formen zu begreifen, so ist es dann nicht mehr
wunderbar, daß wir an allen Dingen eigentlich nur eben diese Formen
begreifen: denn sie alle müssen die Gesetze der Zahl an sich tragen, und
die Zahl gerade ist das Erstaunlichste in den Dingen. Alle
Gesetzmäßigkeit, die uns im Sternenlauf und im chemischen Prozeß so
imponiert, fällt im Grunde mit jenen Eigenschaften zusammen, die wir
selbst an die Dinge heranbringen, so daß wir damit uns selber imponieren.
Dabei ergibt sich allerdings, daß jene künstlerische Metapherbildung, mit
der in uns jede Empfindung beginnt, bereits jene Formen voraussetzt, also
in ihnen vollzogen wird; nur aus dem festen Verharren dieser Urformen
erklärt sich die Möglichkeit, wie nachher wieder aus den Metaphern selbst
ein Bau der Begriffe konstituiert werden konnte. Dieser ist nämlich eine
Nachahmung der Zeit-, Raum- und Zahlenverhältnisse auf dem Boden der
Metaphern.
2
An dem
Bau der Begriffe arbeitet ursprünglich, wie wir sahen, die Sprache
, in späteren Zeiten die Wissenschaft. Wie die Biene zugleich an
den Zellen baut und die Zellen mit Honig füllt, so arbeitet die
Wissenschaft unaufhaltsam an jenem großen Kolumbarium der Begriffe, der
Begräbnisstätte der Anschauungen, baut immer neue und höhere Stockwerke,
stützt, reinigt, erneut die alten Zellen und ist vor allem bemüht, jenes
ins Ungeheure aufgetürmte Fachwerk zu füllen und die ganze empirische
Welt, das heißt die anthropomorphische Welt, hineinzuordnen. Wenn schon
der handelnde Mensch sein Leben an die Vernunft und ihre Begriffe bindet,
um nicht fortgeschwemmt zu werden und sich nicht selbst zu verlieren, so
baut der Forscher seine Hütte dicht an den Turmbau der Wissenschaft, um an
ihm mithelfen zu können und selbst Schutz unter dem vorhandenen Bollwerk
zu finden. Und Schutz braucht er: denn es gibt furchtbare Mächte, die
fortwährend auf ihn eindringen und die der wissenschaftlichen “Wahrheit”
ganz anders geartete “Wahrheiten” mit den verschiedenartigsten
Schildzeichen entgegenhalten.
Jener
Trieb zur Metapherbildung, jener Fundamentaltrieb des Menschen, den man
keinen Augenblick wegrechnen kann, weil man damit den Menschen selbst
wegrechnen würde, ist dadurch, daß aus seinen verflüchtigten Erzeugnissen,
den Begriffen, eine reguläre und starre neue Welt als eine Zwingburg für
ihn gebaut wird, in Wahrheit nicht bezwungen und kaum gebändigt. Er sucht
sich ein neues Bereich seines Wirkens und ein anderes Flußbette und findet
es im Mythus und überhaupt in der Kunst. Fortwährend verwirrt er
die Rubriken und Zellen der Begriffe, dadurch daß er neue Übertragungen,
Metaphern, Metonymien hinstellt, fortwährend zeigt er die Begierde, die
vorhandene Welt des wachen Menschen so bunt unregelmäßig, folgenlos
unzusammenhängend, reizvoll und ewig neu zu gestalten, wie es die Welt des
Traumes ist. An sich ist ja der wache Mensch nur durch das starre und
regelmäßige Begriffsgespinst darüber im klaren, daß er wache, und kommt
eben deshalb mitunter in den Glauben, er träume, wenn jenes
Begriffsgespinst einmal durch die Kunst zerrissen wird. Pascal hat recht,
wenn er behauptet, daß wir, wenn uns jede Nacht derselbe Traum käme, davon
ebenso beschäftigt würden als von den Dingen, die wir jeden Tag sehen:
“wenn ein Handwerker gewiß wäre, jede Nacht zu träumen, volle zwölf
Stunden hindurch, daß er König sei, so glaube ich, sagt Pascal, daß er
ebenso glücklich wäre als ein König, welcher alle Nächte während zwölf
Stunden träumte, er sei Handwerker”. Der wache Tag eines mythisch erregten
Volkes, etwa der älteren Griechen, ist durch das fortwährend wirkende
Wunder, wie es der Mythus annimmt, in der Tat dem Traume ähnlicher als dem
Tag des wissenschaftlich ernüchterten Denkers. Wenn jeder Baum einmal als
Nymphe reden oder unter der Hülle eines Stieres ein Gott Jungfrauen
wegschleppen kann, wenn die Göttin Athene selbst plötzlich gesehn wird,
wie sie mit einem schönen Gespann, in der Begleitung des Pisistratus,
durch die Märkte Athens fährt - und das glaubte der ehrliche Athener -, so
ist in jedem Augenblicke, wie im Traume, alles möglich, und die ganze
Natur umschwärmt den Menschen, als ob sie nur die Maskerade der Götter
wäre, die sich nur einen Scherz daraus machten, in allen Gestalten den
Menschen zu täuschen.
Der
Mensch selbst aber hat einen unbesiegbaren Hang, sich täuschen zu lassen,
und ist wie bezaubert vor Glück, wenn der Rhapsode ihm epische Märchen wie
wahr erzählt oder der Schauspieler im Schauspiel den König noch
königlicher agiert, als ihn die Wirklichkeit zeigt. Der Intellekt, jener
Meister der Verstellung, ist so lange frei und seinem sonstigen
Sklavendienste enthoben, als er täuschen kann, ohne zu schaden, und
feiert dann seine Saturnalien. Nie ist er üppiger, reicher, stolzer,
gewandter und verwegener: mit schöpferischem Behagen wirft er die
Metaphern durcheinander und verrückt die Grenzsteine der Abstraktionen, so
daß er zum Beispiel den Strom als den beweglichen Weg bezeichnet, der den
Menschen trägt, dorthin, wohin er sonst geht. Jetzt hat er das Zeichen der
Dienstbarkeit von sich geworfen: sonst mit trübsinniger Geschäftigkeit
bemüht, einem armen Individuum, dem es nach Dasein gelüstet, den Weg und
die Werkzeuge zu zeigen, und wie ein Diener für seinen Herrn auf Raub und
Beute ausziehend, ist er jetzt zum Herrn geworden und darf den Ausdruck
der Bedürftigkeit aus seinen Mienen wegwischen. Was er jetzt auch tut,
alles trägt im Vergleich mit seinem früheren Tun die Verstellung, wie das
frühere die Verzerrung an sich. Er kopiert das Menschenleben, nimmt es
aber für eine gute Sache und scheint mit ihm sich recht zufrieden zu
geben. Jenes ungeheure Gebälk und Bretterwerk der Begriffe, an das sich
klammernd der bedürftige Mensch sich durch das Leben rettet, ist dem
freigewordnen Intellekt nur ein Gerüst und ein Spielzeug für seine
verwegensten Kunststücke: und wenn er es zerschlägt, durcheinanderwirft,
ironisch wieder zusammensetzt, das Fremdeste paarend und das Nächste
trennend, so offenbart er, daß er jene Notbehelfe der Bedürftigkeit nicht
braucht und daß er jetzt nicht von Begriffen, sondern von Intuitionen
geleitet wird. Von diesen Intuitionen aus führt kein regelmäßiger Weg in
das Land der gespenstischen Schemata, der Abstraktionen: für sie ist das
Wort nicht gemacht, der Mensch verstummt, wenn er sie sieht, oder redet in
lauter verbotenen Metaphern und unerhörten Begriffsfügungen, um wenigstens
durch das Zertrümmern und Verhöhnen der alten Begriffsschranken dem
Eindrucke der mächtigen gegenwärtigen Intuition schöpferisch zu
entsprechen.
Es gibt
Zeitalter, in denen der vernünftige Mensch und der intuitive Mensch
nebeneinander stehn, der eine in Angst vor der Intuition, der andere mit
Hohn über die Abstraktion; der letztere ebenso unvernünftig, als der
erstere unkünstlerisch ist. Beide begehren über das Leben zu herrschen:
dieser, indem er durch Vorsorge, Klugheit, Regelmäßigkeit den
hauptsächlichsten Nöten zu begegnen weiß, jener, indem er als ein
,”überfroher Held” jene Nöte nicht sieht und nur das zum Schein und zur
Schönheit verstellte Leben als real nimmt. Wo einmal der intuitive Mensch,
etwa wie im älteren Griechenland, seine Waffen gewaltiger und siegreicher
führt als sein Widerspiel, kann sich günstigenfalls eine Kultur gestalten
und die Herrschaft der Kunst über das Leben sich gründen: jene
Verstellung, jenes Verleugnen der Bedürftigkeit, jener Glanz der
metaphorischen Anschauungen und überhaupt jene Unmittelbarkeit der
Täuschung begleitet alle Äußerungen eines solchen Lebens. Weder das Haus,
noch der Schritt, noch die Kleidung, noch der tönerne Krug verraten, daß
die Notdurft sie erfand: es scheint so, als ob in ihnen allen ein
erhabenes Glück und eine olympische Wolkenlosigkeit und gleichsam ein
Spielen mit dem Ernste ausgesprochen werden sollte. Während der von
Begriffen und Abstraktionen geleitete Mensch durch diese das Unglück nur
abwehrt, ohne selbst aus den Abstraktionen sich Glück zu erzwingen,
während er nach möglichster Freiheit von Schmerzen trachtet, erntet der
intuitive Mensch, inmitten einer Kultur stehend, bereits von seinen
Intuitionen, außer der Abwehr des Übels, eine fortwährend einströmende
Erhellung, Aufheiterung, Erlösung. Freilich leidet er heftiger, wenn
er leidet: ja er leidet auch öfter, weil er aus der Erfahrung nicht zu
lernen versteht und immer wieder in dieselbe Grube fällt, in die er einmal
gefallen. Im Leide ist er dann ebenso unvernünftig wie im Glück, er
schreit laut und hat keinen Trost. Wie anders steht unter dem gleichen
Mißgeschick der stoische, an der Erfahrung belehrte, durch Begriffe sich
beherrschende Mensch da! Er, der sonst nur Aufrichtigkeit, Wahrheit,
Freiheit von Täuschungen und Schutz vor berückenden Überfällen sucht, legt
jetzt, im Unglück, das Meisterstück der Verstellung ab, wie jener im
Glück; er trägt kein zuckendes und bewegliches Menschengesicht, sondern
gleichsam eine Maske mit würdigem Gleichmaße der Züge, er schreit nicht
und verändert nicht einmal seine Stimme, wenn eine rechte Wetterwolke sich
über ihn ausgießt, so hüllt er sich in seinen Mantel und geht langsamen
Schrittes unter ihr davon. 
Friedrich
Nietzsche
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